Aktuelle Ausgabe: Rg 27 (2019)

Editorial

Wenn wir davon ausgehen, dass Rechtsgeschichte ein großes Kommunikationsgeschehen zwischen den Angehörigen vielfältiger epistemischer Gemeinschaften ist, so dürfte es zu den wichtigsten Aufgaben rechtshistorischer Forschung gehören, die Teilnehmer an diesem Gespräch wie auch die Verbindungen zwischen den verschiedenen kommunikativen Sphären zu kennen. Eine unentbehrliche Grundlage dafür sind die unspektakulären, mühsamen prosopographischen Arbeiten, wie sie seit den 1980er Jahren in verschiedenen Ländern intensiver betrieben worden sind. António Manuel Hespanha fasst in seinem Beitrag die Ergebnisse solcher Studien zu portugiesischen Juristen der frühen Neuzeit zusammen. Diese begannen in engem Kontakt mit entsprechenden Projekten am Max-Planck-Institut, seine Schüler und er führten sie in den letzten drei Jahrzehnten fort. Sie geben uns einen Einblick in den Studienalltag, nicht zuletzt in sozialgeschichtliche Perspektiven auf das Studium von Recht und Kirchenrecht, in Herkunft, Ausbildung und Karrieren der letrados. Sie sind damit auch ein wichtiger Teil der we... [mehr]

Aus der aktuellen Ausgabe

Rubriken


Über die Zeitschrift

Rechtsgeschichte – Legal History (Rg) ist die Zeitschrift des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte, herausgegeben von Thomas Duve und Stefan Vogenauer. Sie deckt die ganze Bandbreite des Fachs ab und beschränkt sich nicht auf bestimmte Epochen oder Rechtsgebiete. Ihr besonderes Profil erhält sie durch die am Institut durchgeführte rechtshistorische Forschung zur Rechtsgeschichte Europas, den Welten des Common Law und der iberischen Monarchien.

Die Zeitschrift ist international und multilingual ausgerichtet. Sie trägt damit der Vielfalt von Rechts- und Forschungskulturen Rechnung. Jedes Heft enthält auf einen thematischen »Fokus« bezogene Beiträge, einen »Debatten«- oder »Forum«-Teil mit pointierten Diskussionsbeiträgen sowie ausgewählte herausragende Beiträge zu rechtshistorischen Themen von allgemeinem Interesse in der Rubrik »Recherche«. Die Rubrik »Kritik« versammelt Rezensionen aus der rechtshistorischen Forschung.

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Die nächste Ausgabe (Rg 28) erscheint im September 2020.

Open Access

Die Online-Ausgabe der Rg wird im Open Access veröffentlicht, d.h. alle Artikel auf dieser Webseite können kostenfrei und ohne vorherige Registrierung gelesen und als PDF heruntergeladen werden. Für jede weitere Nutzung der Artikelinhalte gelten Lizenzbestimmungen, die auf der Seite »Open Access« erläutert sind. Die Printversion jeder Ausgabe kann über den Verlag Vittorio Klostermann oder über den Buchhandel bezogen werden.

Bände

Editorial

Thomas Duve

Wenn wir davon ausgehen, dass Rechtsgeschichte ein großes Kommunikationsgeschehen zwischen den Angehörigen vielfältiger epistemischer Gemeinschaften ist, so dürfte es zu den wichtigsten Aufgaben rechtshistorischer Forschung gehören, die Teilnehmer an diesem Gespräch wie auch die Verbindungen zwischen den verschiedenen kommunikativen Sphären zu kennen. Eine unentbehrliche Grundlage dafür sind die unspektakulären, mühsamen prosopographischen Arbeiten, wie sie seit den 1980er Jahren in verschiedenen Ländern intensiver betrieben worden sind. António Manuel Hespanha fasst in seinem Beitrag die Ergebnisse solcher Studien zu portugiesischen Juristen der frühen Neuzeit zusammen. Diese begannen in engem Kontakt mit entsprechenden Projekten am Max-Planck-Institut, seine Schüler und er führten sie in den letzten drei Jahrzehnten fort. Sie geben uns einen Einblick in den Studienalltag, nicht zuletzt in sozialgeschichtliche Perspektiven auf das Studium von Recht und Kirchenrecht, in Herkunft, Ausbildung und Karrieren der letrados. Sie sind damit auch ein wichtiger Teil der weit über Europa hinausreichenden Geschichte des Rechts der iberischen Imperien. In ihnen verbinden sich sozialhistorische und mediengeschichtliche Perspektiven mit einer Geschichte der juristischen Literatur und des juristischen Wissens, Quellenkunde und Fleiß mit Methodenbewusstsein und Intellektualität – für die Arbeiten António Manuel Hespanhas geradezu typische Merkmale. Es war ihm wichtig, dass diese Zusammenfassung in der Rg erscheinen würde, so wie er in den letzten Monaten auch zahlreiche andere Arbeiten zusammengefasst und noch publiziert hat – mit Freude beobachtete er zuletzt den großen Erfolg seines jüngsten Buchs »Filhos da Terra«. Identidades mestiças nos confins da expansão portuguesa, das Anfang 2019 in Lissabon erschien. Es sollte, wie auch dieser Artikel, eine seiner letzten Publikationen werden. Am 1. Juli 2019 verstarb António Manuel Hespanha. Er war für das Institut über Jahrzehnte ein wichtiger Gesprächspartner, wie dieser an gemeinsame Forschungen anknüpfende Beitrag zeigt, und wir werden ihn und sein Wissen sehr vermissen.

In dem zweiten Aufsatz des Recherche-Teils macht Jean-Louis Halpérin auf eine auf den ersten Blick überraschende Konstellation aufmerksam: die Verbindung zwischen Strafrechtswissenschaft und Völkerrechtswissenschaft, noch lange vor jedem Völkerstrafrecht. In einer souveränen Kartierung der Geschichte der beiden Fächer in der akademischen Landschaft deutschsprachiger Universitäten zwischen dem 16. und dem frühen 20. Jahrhundert zeigt er, wie folgenreich die kontingente Kombination von wissenschaftlichen Interessen gewesen ist. Auch sein Beitrag legt damit ein Stück europäischer Rechtsgeschichte frei, die nicht auf Europa beschränkt blieb.

Zwei besondere Sektionen, Foci, folgen. Der erste, herausgegeben und eingeleitet von Benedetta Albani, widmet sich dem tridentinischen Eherecht in globalhistorischer Perspektive. Von verschiedenen Beobachtungsposten aus – in Europa, Lateinamerika, Asien – werden die Auswirkungen der Reformen des Eherechts auf dem Konzil von Trient in ganz unterschiedlichen Regionen skizziert. Auch in dem zweiten Fokus geht es um unterschiedliche Lesarten einer weltweit beachteten Regulierung: nämlich der Weimarer Verfassung. Ihr in den letzten Monaten vielfach besprochenes 100. Jubiläum haben wir zum Anlass genommen, nach den Übersetzungen in anderen Räumen und Zeiten zu fragen. Blicke auf die Common Law World, Lateinamerika und Asien vermitteln ein lebendiges Bild von der sehr unterschiedlichen Verarbeitung von Teilen der Weimarer Verfassung. Es waren nicht zuletzt solche Glokalisierungsphänomene in früher Neuzeit und Moderne, vermittelt über die vielen Akteure auf lokaler, mittlerer oder höchster Ebene, die für die Herausbildung von Kommunikationsgemeinschaften sorgten, welche weit über die nationalen und kontinentalen Grenzen hinausreichten und sich verstanden – wenngleich sie nicht dieselbe Sprache sprachen.

Im Forum sehen wir uns zwei 2018 erschienene Oxford Handbooks zur Rechtsgeschichte etwas näher an: The Oxford Handbook of European Legal History und The Oxford Handbook of Legal History. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts haben einzelne Kapitel oder Themen ausgewählt, aus beiden oder je einem Handbuch. Stefan Vogenauer fasst in seiner Einleitung einige der Beobachtungen zusammen. |

Spiegeln die beiden Handbooks nicht zuletzt eine Tendenz zur Anglo-Amerikanisierung auch unserer Disziplin wider, so bemühen wir uns im Rezensionsteil wie immer darum, Mehrsprachigkeit zu praktizieren und Wissensvermittlung auch über die Sprach-, Regionen- und Epochengrenzen hinweg zu ermöglichen. Wir freuen uns, dass wir Rezensionen zu rechtshistorischen Forschungen zur Antike, zum Mittelalter, zur Neuzeit und auch zur Zeitgeschichte zusammenstellen konnten. Einen Schwerpunkt bilden Gebiete, zu denen auch bei uns am Institut intensiver geforscht wird: die Schule von Salamanca und mit ihr zusammenhängende Themen wie etwa das des Probabilismus; die Rechtsgeschichte der iberischen Imperien und ihrer amerikanischen, afrikanischen und asiatischen Teile; Rechtsgeschichte in der Common Law World; Strafrechtsgeschichte, Rechtswissenschaftsgeschichte, Verwaltungsgeschichte. Nicht wenige Rezensionen widmen sich Neuerscheinungen im Bereich der mittelalterlichen Rechtsgeschichte, einige der Geschichte des internationalen Rechts.

In der Reichskammergerichtsforschung, aus der wir ebenfalls in einigen Rezensionen berichten, beschäftigt man sich in letzter Zeit intensiver mit Karten als Mittel der Raumerschließung. Anette Baumann stellt uns in dem diese Ausgabe abschließenden Beitrag ausgewählte Beispiele solcher Augenscheinkarten vor. Ihrer Arbeit entstammt auch die Bildstrecke, mit der die Printausgabe der Rg illustriert ist.

Wie stets danken wir allen Autorinnen und Autoren für ihre Mitarbeit – und widmen dieses Heft dem Gedenken an António Manuel Hespanha.

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